Wie Nachrichtenagenturen arbeiten – und warum so viele Meldungen gleich klingen
Von Omid Jamshidi · Veröffentlicht · 5 Min. Lesezeit
Was Nachrichtenagenturen wie dpa, AFP, Reuters, AP oder EFE tun, wie Redaktionen ihre Meldungen nutzen, wie man Agenturtexte erkennt und warum zehn Artikel trotzdem nur eine Quelle sein können.
Wer Nachrichten aus mehreren Medien liest, findet manchmal fast dieselben Sätze an verschiedenen Stellen. Das ist meist weder Zufall noch abgeschrieben: Viele Berichte beruhen auf Material von Nachrichtenagenturen. Agenturen gehören zu den wichtigsten und zugleich unsichtbarsten Teilen des Journalismus. Dieser Ratgeber erklärt, was sie tun, wie Redaktionen ihre Arbeit nutzen und was das für Sie als Leserin oder Leser bedeutet.
Was eine Nachrichtenagentur ist
Eine Nachrichtenagentur sammelt Nachrichten und verkauft sie an andere Medien statt direkt an das Publikum. Ihre Kunden sind Zeitungen, Sender und Websites, aber auch Unternehmen, Behörden und Organisationen. Eine Agentur hat Reporterinnen, Fotografen und Videojournalisten an vielen Orten und liefert rund um die Uhr einen ständigen Strom aus kurzen Meldungen, Hintergrundberichten, Fotos, Videos und Daten.
Kaum eine Redaktion kann sich Korrespondenten in jedem Land, bei jedem Gerichtstermin und jedem Spiel leisten. Diese Lücke füllen die Agenturen. Ihre Texte sind so geschrieben, dass viele verschiedene Kunden sie nutzen können – deshalb sind sie meist sachlich, knapp und neutral im Ton.
Die bekanntesten Agenturen
Manche Agenturen arbeiten weltweit, andere vor allem in einem Land oder einer Sprache:
- dpa (Deutsche Presse-Agentur), gegründet 1949, gehört deutschen Medienunternehmen und ist die führende Agentur in Deutschland.
- Agence France-Presse (AFP), gegründet 1944, ging aus der 1835 gegründeten Agence Havas hervor; sie sitzt in Paris.
- Reuters, 1851 in London gegründet, gehört heute zum kanadischen Konzern Thomson Reuters und ist besonders stark bei Wirtschafts- und Finanznachrichten.
- The Associated Press (AP), gegründet 1846, ist eine Genossenschaft amerikanischer Medienunternehmen.
- EFE, gegründet 1939, ist die größte spanischsprachige Agentur und gehört dem spanischen Staat.
Daneben gibt es staatliche Nachrichtenagenturen, die direkt einer Regierung gehören, etwa Xinhua in China oder TASS in Russland. Im Iran reicht die offizielle Agentur IRNA bis ins Jahr 1934 zurück, und Agenturen wie die 1999 gegründete ISNA spielen ebenfalls eine große Rolle. Staatliche Agenturen sind eine wichtige Quelle dafür, was eine Regierung sagt und tut, aber sie sind nicht unabhängig von ihr – ihre Meldungen sollte man entsprechend lesen.
Wie Redaktionen Agenturmeldungen nutzen
Redaktionen nutzen Agenturmaterial auf verschiedene Weise:
- Unverändert: Eine kurze Meldung wird so veröffentlicht, wie sie ist, mit Hinweis auf die Agentur. Viele Websites übernehmen solche Meldungen automatisch.
- Bearbeitet: Die Redaktion kürzt sie, schreibt eine eigene Überschrift oder fasst Meldungen mehrerer Agenturen zusammen.
- Als Ausgangspunkt: Reporter nutzen die Agenturmeldung als erste Information, recherchieren dann selbst und ergänzen eigene Gespräche und Hintergründe.
- Zum Abgleich: Eine Redaktion vergleicht ihre eigenen Informationen mit dem, was die Agenturen melden.
Deshalb erscheint dasselbe Ereignis oft innerhalb weniger Minuten in Dutzenden Medien – und deshalb sind die ersten Fassungen einander oft sehr ähnlich.
So erkennen Sie Agenturtexte
Achten Sie auf die Quellenangabe. Agenturmaterial ist meist gekennzeichnet, etwa mit „(dpa)“, „AFP“ oder „Reuters“ am Anfang oder Ende eines Textes, im Autorenkürzel oder mit einem Hinweis wie „mit Material von Agenturen“. In deutschen Medien sieht man oft Kombinationen wie „dpa/AFP/rtr“; spanische Medien schreiben oft „EFE“ oder „Agencias“.
Die Ortsmarke am Anfang einer Meldung, etwa „Brüssel (dpa) –“, zeigt, wo die Meldung entstanden ist. Sie bedeutet nicht unbedingt, dass das Medium, das Sie gerade lesen, selbst jemanden vor Ort hatte.
Warum zehn Artikel eine einzige Quelle sein können
Das ist für Leserinnen und Leser der wichtigste Punkt. Berichten zehn Websites dasselbe, sieht das nach breiter Bestätigung aus. Beruhen aber alle zehn auf derselben Agenturmeldung, gibt es in Wahrheit nur eine Quelle. Und wenn diese Agenturmeldung selbst nur eine einzige offizielle Erklärung zitiert, ist die Kette noch kürzer.
Fragen Sie sich deshalb bei einer wichtigen Behauptung:
- Nennt der Bericht eine Agentur – und wenn ja, welche?
- Ergänzen verschiedene Medien eigene Informationen, etwa eigene Gespräche oder Dokumente?
- Bestätigen mehrere unabhängige Agenturen oder Reporter dieselben Fakten?
- Ist die ursprüngliche Quelle – eine Erklärung, ein Urteil, eine Studie – genannt und zugänglich?
Unser Ratgeber Nachrichten kritisch lesen erklärt diese Prüfungen ausführlicher.
Stärken und Grenzen der Agenturen
Agenturen haben große Stärken. Sie sind schnell, an vielen Orten präsent und meist sorgfältig: Etablierte Agenturen haben strenge Regeln für die Prüfung von Fakten, die Zuordnung von Aussagen und die Korrektur von Fehlern – denn ein Fehler wird von Hunderten Kunden übernommen. Berichtigungen werden deshalb schnell verschickt und deutlich gekennzeichnet.
Sie haben aber auch Grenzen. Tempo bedeutet, dass erste Meldungen oft unvollständig sind. Weil sie viele Kunden bedienen, gehen Agenturtexte selten in die Tiefe oder beziehen klar Stellung. Und staatliche Agenturen folgen der Linie ihrer Regierung.
Agenturen und Omid57.info
Omid57.info bezieht keine Agenturdienste. Wir zeigen Schlagzeilen aus den öffentlichen Feeds der Medien, die auf jeder Seite genannt sind; manche dieser Medien veröffentlichen selbst Agenturmeldungen – deshalb sehen Sie manchmal sehr ähnliche Schlagzeilen aus verschiedenen Quellen. Jede Schlagzeile führt zum Artikel des jeweiligen Mediums, wo Sie sehen, ob er auf Agenturmaterial beruht. Welche Medien jede Ausgabe nutzt, steht in den häufigen Fragen, und unser Ratgeber Warum dieselbe Nachricht in anderen Sprachen anders aussieht erklärt, wie sich die Berichterstattung von Land zu Land unterscheidet.
Fazit
Nachrichtenagenturen sind das unsichtbare Fundament vieler Nachrichten, die wir lesen. Wer weiß, wie sie arbeiten, versteht, warum Meldungen einander ähneln, erkennt die ursprüngliche Quelle hinter vielen Artikeln – und weiß, dass die Zahl der Schlagzeilen zu einem Thema wenig darüber sagt, wie viele unabhängige Quellen dahinterstehen.