Warum dieselbe Nachricht in anderen Sprachen anders aussieht
Von Omid Jamshidi · Veröffentlicht · 5 Min. Lesezeit
Warum sich Berichte über dasselbe Ereignis zwischen Sprachen und Ländern unterscheiden – Publikum, Quellen, Recht, Wortwahl und Zahlen – und wie man sie vergleicht, ohne in Fallen zu tappen.
Wer Nachrichten in mehr als einer Sprache verfolgt, merkt schnell: Dasselbe Ereignis kann erstaunlich unterschiedlich aussehen. Eine Entscheidung in Brüssel ist im einen Land Spitzenmeldung und im anderen eine Randnotiz; eine Demonstration wird hier mit dem einen, dort mit einem anderen Wort beschrieben; die Zahlen scheinen nicht zusammenzupassen. Meist lügt dabei niemand. Die Unterschiede entstehen dadurch, wie Nachrichten gemacht werden. Dieser Ratgeber erklärt die häufigsten Gründe und wie man Berichte über Sprachgrenzen hinweg sinnvoll vergleicht – genau dafür ist Omid57.info mit seinen fünf Sprachausgaben gedacht.
1. Jede Redaktion schreibt für ihr Publikum
Ein Nachrichtenbericht beantwortet die Frage: Was bedeutet das für unsere Leserinnen und Leser? Eine neue EU-Regel für Elektroautos erklärt ein deutsches Medium mit Blick auf deutsche Autobauer und Arbeitsplätze, ein spanisches mit Blick auf spanische Werke und Käufer, ein amerikanisches vielleicht als Geschichte über den Wettbewerb zwischen den USA, China und Europa.
Das ist keine Verzerrung, sondern Relevanz. Es bedeutet aber, dass sich die Auswahl der Fakten, ihre Reihenfolge und die zitierten Fachleute unterscheiden. Wer nur eine Fassung liest, sieht das Ereignis aus dem Blickwinkel eines Landes.
2. Unterschiedlicher Zugang, unterschiedliche Quellen
Nicht alle Redaktionen haben denselben Zugang. Eine Reporterin vor Ort sieht Dinge, die ein Redakteur, der Hunderte Kilometer entfernt Agenturmeldungen bearbeitet, nicht sehen kann. Manche Medien haben eigene Korrespondenten in einer Region, andere stützen sich auf Nachrichtenagenturen, viele kombinieren beides.
Auch die zitierten Quellen unterscheiden sich: Behörden, Opposition, Augenzeugen, internationale Organisationen. Zitiert ein Bericht vor allem Amtsträger und ein anderer vor allem Betroffene, kann das Bild verschieden ausfallen – selbst wenn jedes Zitat stimmt.
3. Recht und Berufsethik sind von Land zu Land verschieden
Medienrecht und journalistische Regeln prägen, was veröffentlicht wird. Ein bekanntes Beispiel ist die Nennung von Verdächtigen. Deutsche Medien nennen oft nur den Vornamen und den ersten Buchstaben des Nachnamens, etwa „Max M.“, aus Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte und den Pressekodex; britische und amerikanische Medien drucken häufiger den vollen Namen. Auch die Regeln für Berichte über Gerichtsverfahren, Minderjährige, Suizide oder Bilder von Opfern unterscheiden sich.
Wenn also eine Sprachausgabe einen Namen nennt und eine andere nicht, sagt das allein nichts darüber, welcher Bericht besser informiert ist.
4. Wem ein Medium gehört und wer es finanziert, zählt
Es lohnt sich zu wissen, wer hinter einem Medium steht. Manche sind Unternehmen, manche öffentlich-rechtliche Sender, die aus Beiträgen finanziert werden, manche werden von Regierungen bezahlt. Bei persischsprachigen Nachrichten etwa werden mehrere große Medien im Ausland von Staaten finanziert: VOA Persian von den USA, DW Persian von Deutschland. Im Iran selbst arbeiten Medien unter dem dortigen Pressegesetz und staatlicher Aufsicht.
Eine Finanzierung macht Berichte nicht automatisch falsch, gehört aber zum Zusammenhang. Hilfreich ist die Frage: Wessen Sicht fehlt hier, und wer hätte ein Interesse an dieser Darstellung?
5. Wörter transportieren Bedeutung
Übersetzen ist nie nur das Austauschen von Wörtern. Viele Begriffe enthalten eine Wertung: ob Menschen „Aktivisten“, „Demonstranten“ oder „Randalierer“ genannt werden, ob eine Maßnahme eine „Reform“ oder eine „Kürzung“ ist, ob ein Gebiet „umstritten“ oder „besetzt“ ist. Medien wählen ihre Wörter nach ihren Stilregeln und ihrer redaktionellen Linie, und manchmal gibt es in einer anderen Sprache schlicht keine genaue Entsprechung.
Wirkt ein Wort aufgeladen, suchen Sie die Fakten dahinter: Wer hat was getan, wo, wie viele Menschen, nach wessen Angaben?
6. Vorsicht bei Zahlen, Daten und Uhrzeiten
Einige der häufigsten Missverständnisse zwischen Sprachen haben mit Politik nichts zu tun:
- „Billion“ ist nicht gleich „billion“. Im Englischen ist eine billion tausend Millionen (10⁹) – auf Deutsch eine Milliarde. Eine deutsche Billion ist dagegen eine Million Millionen (10¹²). Spanisch funktioniert wie Deutsch: mil millones sind 10⁹, ein billón 10¹². Auf Persisch ist میلیارد (Milyard) 10⁹.
- Komma und Punkt sind vertauscht. „1,500“ bedeutet im Englischen eintausendfünfhundert, im Deutschen oder Spanischen eineinhalb; tausendfünfhundert schreibt man dort „1.500“.
- Daten werden anders geschrieben. „03/04“ ist in den USA der 4. März, in den meisten Ländern Europas der 3. April. Persische Medien verwenden meist den iranischen Sonnenkalender, dessen Jahr im März beginnt.
- Zeitzonen verschieben die Nachrichten. Eine Entscheidung vom Montagabend in Washington fällt in Europa und im Iran schon auf den Dienstag. Ein Medium schreibt dann „gestern“, ein anderes „heute“ – über denselben Moment.
Passen Zahlen aus zwei Berichten nicht zusammen, prüfen Sie zuerst, ob sie sich nur in der Schreibweise unterscheiden.
7. So vergleichen Sie Berichte über Sprachgrenzen hinweg
- Sicherstellen, dass es dasselbe Ereignis ist. Ähnliche Schlagzeilen können verschiedene Treffen, Äußerungen oder Tage meinen.
- Die Fakten sammeln, die überall vorkommen. Worin alle Berichte übereinstimmen, ist meist der verlässlichste Kern.
- Festhalten, was nur eine Seite berichtet. Einzelheiten, die nur in einer Sprache auftauchen, sind nicht unbedingt falsch, brauchen aber eine Quelle.
- Den Zeitpunkt der Veröffentlichung prüfen. Spätere Berichte enthalten oft Korrekturen und neue Informationen.
- Auf die zitierten Quellen achten. Ist es dieselbe Agentur, derselbe Amtsträger – oder eigene Recherche?
- Übersetzungsprogramme mit Bedacht nutzen. Maschinelle Übersetzung hilft, den Kern zu verstehen; Namen, Zahlen und Schlüsselbegriffe sollten Sie aber mit dem Original abgleichen.
Wie Omid57.info dabei hilft
Omid57.info zeigt die neuesten Schlagzeilen ausgewählter Medien in fünf Ausgaben – Englisch für die USA und für Großbritannien, Deutsch, Spanisch und Persisch –, jeweils mit dem Namen des Mediums und der Uhrzeit der Veröffentlichung und mit einem Link zum vollständigen Artikel. Mit den Flaggen oben auf der Seite wechseln Sie zwischen den Ausgaben und sehen schnell, welche Themen in welcher Sprache die Nachrichten bestimmen. Wie man einzelne Berichte prüft, erklärt unser Ratgeber Nachrichten kritisch lesen; welche Medien jede Ausgabe nutzt, steht in den häufigen Fragen.
Fazit
Unterschiede zwischen Sprachen sind kein Fehler der Nachrichten, sondern selbst eine Information. Sie zeigen, was wem wichtig ist, wer Zugang zu welchen Quellen hat und mit welchen Wörtern eine Gesellschaft ein Ereignis beschreibt. Über Sprachgrenzen hinweg zu lesen kostet etwas mehr Zeit – ergibt aber ein vollständigeres Bild, als es eine einzelne Ausgabe kann.