BIP, Arbeitsmarkt und Leitzins: Wirtschaftsnachrichten richtig lesen
Von Omid Jamshidi · Veröffentlicht · 5 Min. Lesezeit
Was Wachstumszahlen, Arbeitslosenquoten und Zinsentscheide wirklich aussagen, warum US-Wachstum und deutsches Wachstum nicht direkt vergleichbar sind und was der Unterschied zwischen Prozent und Prozentpunkten ist.
„Wirtschaft schrumpft“, „Arbeitslosigkeit steigt“, „EZB senkt Zinsen um 25 Basispunkte“ – Wirtschaftsnachrichten stecken voller Zahlen, die genau klingen, aber leicht missverstanden werden. Dieselbe Kennzahl wird zudem in verschiedenen Ländern unterschiedlich berichtet. Dieser Ratgeber erklärt die wichtigsten Kennzahlen und worauf Sie achten sollten. Zu steigenden Preisen gibt es einen eigenen Ratgeber über Inflation.
Bruttoinlandsprodukt (BIP)
Das BIP misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land in einem bestimmten Zeitraum hergestellt werden. Wenn es heißt „die Wirtschaft ist gewachsen“, ist meist das preisbereinigte (reale) BIP gemeint – höhere Preise allein zählen also nicht als Wachstum.
Entscheidend ist, wie das Wachstum angegeben wird:
- In Deutschland, Spanien und den meisten europäischen Ländern wird meist die Veränderung gegenüber dem Vorquartal gemeldet. „Die Wirtschaft wuchs um 0,3 Prozent“ heißt: im Vergleich zu den drei Monaten davor. Das Statistische Bundesamt gibt diese Zahl außerdem preis-, saison- und kalenderbereinigt an.
- In den USA wird das Quartalswachstum meist auf das Jahr hochgerechnet („annualisiert“) – ungefähr so, als würde es ein ganzes Jahr lang anhalten. Ein US-Wert von 2 Prozent entspricht nach europäischer Zählweise nur etwa 0,5 Prozent.
„US-Wirtschaft wächst um 2 Prozent, deutsche um 0,5 Prozent“ kann also fast dasselbe Tempo beschreiben. Beim Ländervergleich lohnt der Blick auf die Methode; viele Berichte nennen zusätzlich die Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal.
Zwei weitere Punkte:
- Erste Schätzungen werden korrigiert. Die Statistikämter veröffentlichen wenige Wochen nach Quartalsende eine Schnellmeldung und überarbeiten sie später, manchmal deutlich. Aus einem kleinen Minus kann ein kleines Plus werden.
- „Rezession“ nennt man oft zwei Quartale mit schrumpfendem BIP in Folge – eine Faustregel, auch „technische Rezession“ genannt. In den USA legt ein Ausschuss von Ökonomen Rezessionen anhand vieler Daten fest; beides kann voneinander abweichen.
Arbeitslosigkeit: zwei Zahlen, zwei Bedeutungen
In Deutschland gibt es zwei Arbeitslosenzahlen, und Berichte sagen nicht immer, welche gemeint ist:
- Die Bundesagentur für Arbeit meldet jeden Monat die registrierten Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote. Diese Zahl bestimmt die Schlagzeilen. Wer als arbeitslos zählt, regelt das Sozialgesetzbuch.
- Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die Erwerbslosenquote nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): Menschen ohne Arbeit, die aktiv suchen und sofort anfangen könnten. Sie wird über Befragungen ermittelt, ist niedriger und dient dem internationalen Vergleich.
Ähnlich ist es anderswo: In Spanien liefert die vierteljährliche Arbeitskräfteerhebung (EPA) die ILO-Quote, der monatliche „paro registrado“ zählt die bei den Arbeitsämtern gemeldeten Menschen. In den USA enthält der monatliche Arbeitsmarktbericht die Arbeitslosenquote (aus einer Haushaltsbefragung) und die Zahl neuer Stellen (aus einer Unternehmensbefragung) – auf Letztere reagieren die Börsen oft stärker.
Eine niedrige Arbeitslosenquote ist nicht immer eine gute Nachricht: Wer die Suche aufgegeben hat, zählt nicht mehr als arbeitslos. Deshalb lohnt sich auch der Blick auf die Erwerbsquote – den Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter, die arbeiten oder Arbeit suchen.
Leitzinsen und Zentralbanken
Zentralbanken legen die Leitzinsen fest, die die Kreditkosten in der ganzen Wirtschaft beeinflussen: die Europäische Zentralbank (EZB) für den Euroraum, also auch für Deutschland und Spanien, die Federal Reserve (Fed) in den USA und die Bank of England in Großbritannien. Höhere Zinsen verteuern Kredite und machen Sparen attraktiver, was die Wirtschaft eher bremst und die Inflation dämpft; niedrigere Zinsen wirken umgekehrt.
Beim Lesen hilft:
- Die EZB hat mehrere Leitzinsen. Berichte meinen meist den Einlagenzins, über den die EZB ihre Geldpolitik steuert. Die Fed legt eine Zielspanne fest, etwa „4,25 bis 4,5 Prozent“.
- Basispunkte: Ein Basispunkt ist 0,01 Prozentpunkte. „Zinsen steigen um 25 Basispunkte“ heißt: um einen Viertelprozentpunkt.
- Erwartungen zählen: Märkte nehmen Entscheidungen oft vorweg. Eine erwartete Zinssenkung bewegt die Kurse kaum, eine Überraschung dagegen stark.
- Zeitzonen: Die Fed verkündet ihre Entscheidungen am Nachmittag Washingtoner Zeit – in Deutschland am Abend, in Iran in der Nacht. Viele Analysen erscheinen hier deshalb erst am nächsten Morgen.
Prozent oder Prozentpunkte?
Das ist einer der häufigsten Fehler in Wirtschaftsberichten. Steigt ein Zinssatz von 2 auf 3 Prozent, ist er um einen Prozentpunkt gestiegen – aber um 50 Prozent. Sinkt die Arbeitslosenquote von 10 auf 9 Prozent, ist sie um einen Prozentpunkt oder um 10 Prozent gesunken. Beides stimmt, klingt aber sehr verschieden; sorgfältige Berichte verwenden für Unterschiede zwischen Quoten „Prozentpunkte“.
Vormonat, Vorjahr, saisonbereinigt
Viele Zahlen schwanken mit den Jahreszeiten: mehr Jobs im Tourismus im Sommer, mehr Bauarbeiten im Frühjahr. Statistikämter veröffentlichen deshalb saisonbereinigte Werte, aus denen diese regelmäßigen Muster herausgerechnet sind. Verglichen wird mit dem Vormonat oder Vorquartal (kurzfristige Veränderung) oder mit demselben Zeitraum des Vorjahres. „Arbeitslosigkeit steigt“ kann im Januar für die unbereinigte Zahl stimmen und für die bereinigte nicht – es lohnt sich zu prüfen, welche gemeint ist.
Sieben Fragen an Wirtschaftsnachrichten
- Ist die Zahl real (preisbereinigt) oder nominal?
- Verglichen womit – Vorquartal, Vorjahr, Jahresrate?
- Ist es eine erste Schätzung, die noch korrigiert wird?
- Welche Definition gilt – registrierte Arbeitslose oder ILO-Erwerbslose?
- Wird die Veränderung in Prozent oder Prozentpunkten angegeben?
- Ist die Zahl saisonbereinigt?
- Was hatten Ökonomen erwartet? Märkte reagieren auf Überraschungen, nicht auf die Zahl allein.
Wirtschaftsnachrichten auf Omid57.info
Die Wirtschaftsrubriken von Omid57.info zeigen Schlagzeilen von Wirtschaftsmedien aus mehreren Ländern – etwa denselben EZB-Entscheid aus deutscher und spanischer Sicht oder US-Arbeitsmarktdaten aus europäischer Perspektive. Warum solche Berichte sich unterscheiden, erklärt unser Ratgeber Warum dieselbe Nachricht in anderen Sprachen anders aussieht, und Umfragen in den Nachrichten richtig lesen wendet ähnliche Überlegungen auf Umfragezahlen an.
Fazit
Wirtschaftskennzahlen sind nützlich, aber nur mit ihrem Zusammenhang: wie Wachstum gemessen wird, welche Arbeitslosenzahl gemeint ist, welchen Zins eine Zentralbank geändert hat und ob eine Veränderung in Prozent oder Prozentpunkten angegeben ist. Mit diesen Fragen im Kopf wird eine kurze Wirtschaftsschlagzeile deutlich verständlicher – und über Ländergrenzen hinweg vergleichbar.