Irreführende Statistiken und Grafiken in den Nachrichten erkennen
Von Omid Jamshidi · Veröffentlicht · 5 Min. Lesezeit
Abgeschnittene Achsen, relative statt absoluter Zahlen, Durchschnitte, die die Mehrheit verdecken, und passend gewählte Zeiträume – die häufigsten Tricks mit Zahlen und wie man sie durchschaut.
Zahlen und Grafiken lassen Nachrichten objektiv wirken. Doch dieselben Daten können je nach Darstellung sehr unterschiedliche Geschichten erzählen – manchmal mit Absicht, oft aus Versehen. Man muss kein Statistiker sein, um die häufigsten Probleme zu erkennen. Dieser Ratgeber zeigt die typischen Tricks und die Fragen, mit denen man sie entlarvt.
Die abgeschnittene Achse
Ein Balkendiagramm zeigt zwei Werte: 50 und 52. Beginnt die senkrechte Achse bei null, sehen die Balken fast gleich aus – was sie auch sind. Beginnt die Achse bei 49, wirkt der zweite Balken plötzlich dreimal so hoch wie der erste.
- Balkendiagramme sollten bei null beginnen, weil das Auge die Länge der Balken vergleicht.
- Liniendiagramme dürfen woanders beginnen, weil sie einen Verlauf zeigen und keine Größe – dann sollte die Skala aber gut beschriftet sein.
Wenn eine Grafik dramatisch aussieht, lohnt also zuerst der Blick auf die Zahlen an der Achse, erst dann auf die Formen.
Relative und absolute Zahlen
„Risiko verdoppelt sich“ klingt alarmierend. Steigt das Risiko aber von 1 zu 10.000 auf 2 zu 10.000, ist die absolute Veränderung ein zusätzlicher Fall pro 10.000 Menschen. Beide Aussagen stimmen; nur die zweite sagt, wie sehr es Sie betrifft.
Dasselbe gilt für Prozentzuwächse bei kleinen Zahlen: „Kriminalität plus 50 Prozent“ kann bedeuten, dass es im Vorjahr 2 Fälle gab und jetzt 3. Bei jeder prozentualen Veränderung lohnt die Frage: Prozent wovon?
Eine verwandte Falle ist der Unterschied zwischen Prozent und Prozentpunkten, den unser Ratgeber zu Wirtschaftsnachrichten erklärt.
Gesamtzahlen und Quoten
Eine Großstadt hat mehr Straftaten, mehr Unfälle und mehr Krankenhauspatienten als eine Kleinstadt – einfach, weil dort mehr Menschen leben. Um unterschiedlich große Orte zu vergleichen, braucht man Quoten: Fälle pro 100.000 Einwohner, pro Auto, pro Haushalt. Eine Schlagzeile, die Länder oder Städte nach Gesamtzahlen ordnet, ordnet sie oft nur nach der Einwohnerzahl.
Durchschnitte, die die Mehrheit verdecken
Der Durchschnitt (arithmetisches Mittel) reagiert stark auf Extremwerte. Verdienen neun Menschen 3.000 Euro im Monat und einer 100.000 Euro, liegt das Durchschnittseinkommen bei 12.700 Euro – ein Wert, der niemanden in der Gruppe beschreibt. Der Median – der Wert in der Mitte, wenn man alle der Reihe nach aufstellt – liegt bei 3.000 Euro und ist viel näher an der Wirklichkeit. Seriöse Berichte über Einkommen, Mieten oder Immobilienpreise nennen deshalb oft den Median. Wird nur ein Durchschnitt genannt, lohnt die Frage, ob wenige sehr große Werte ihn verzerren.
Der gewählte Zeitraum
Jeder Trend hängt davon ab, wo er beginnt. Eine Aktie, die „um 40 Prozent gestiegen“ ist, hat vielleicht nur die Hälfte eines früheren Absturzes aufgeholt. Wirtschaftswachstum nach einem Krisenjahr wirkt kräftig, weil der Ausgangspunkt niedrig war – ein Basiseffekt. Und manchmal wird ein Zeitraum genau deshalb gewählt, weil er zeigt, was der Autor zeigen will.
Hilfreiche Fragen: Was zeigt ein längerer Zeitraum? Ist das Ausgangsjahr ungewöhnlich? Wird mit demselben Monat des Vorjahres verglichen oder mit einem besonderen Monat?
Zusammenhang ist nicht Ursache
Zwei Dinge, die gleichzeitig steigen, hängen nicht unbedingt zusammen. Eisverkäufe und Badeunfälle nehmen beide im Sommer zu – nicht weil Eis Unfälle verursacht, sondern weil beide vom warmen Wetter abhängen. Wenn ein Bericht sagt, A „führe zu“ B, lohnt die Frage, ob die Studie wirklich Ursache und Wirkung zeigt oder nur, dass beides gemeinsam auftritt. Oft erklärt ein dritter Faktor beides.
Kleine Stichproben und ausgewählte Fälle
Eine Befragung von 50 Menschen, eine Studie mit 20 Patienten oder „drei Experten sind sich einig“ können interessant sein, tragen aber selten allgemeine Schlüsse. Ebenso zeigt ein einzelnes eindrückliches Beispiel – eine Familie, eine Firma, ein Vorfall –, dass etwas passieren kann, nicht wie oft es passiert. Unser Ratgeber Umfragen in den Nachrichten richtig lesen erklärt, wie die Stichprobengröße die Genauigkeit beeinflusst.
Karten, die über die Fläche täuschen
Auf Karten, die nach Wahlergebnissen oder Statistiken eingefärbt sind, dominieren große, aber dünn besiedelte Gebiete das Bild. Ein Land kann fast vollständig in einer Farbe erscheinen, obwohl die meisten Menschen in wenigen kleinen, dicht besiedelten Gebieten mit der anderen Farbe leben. Karten, die Flächen nach Einwohnerzahl darstellen, oder einfache Tabellen geben oft ein faireres Bild.
Geldbeträge ohne Inflation
Vergleiche von Löhnen, Preisen oder Haushalten über viele Jahre führen in die Irre, wenn sie die Inflation übergehen. Ein Gehalt, das sich in zwanzig Jahren verdoppelt hat, kauft vielleicht weniger als früher, wenn sich die Preise verdreifacht haben. Achten Sie auf „reale“ oder „preisbereinigte“ Zahlen; warum, erklärt unser Ratgeber zur Inflation.
Sieben Fragen an jede Zahl in den Nachrichten
- Wer hat die Zahl erstellt, und hat diese Person oder Organisation ein Interesse an einem bestimmten Ergebnis?
- Prozent wovon? Welche absoluten Zahlen stehen hinter einem Prozentwert?
- Gesamtzahl oder Quote? Werden unterschiedlich große Orte oder Gruppen fair verglichen?
- Durchschnitt oder Median? Können wenige Extremwerte das Bild verzerren?
- Welcher Zeitraum – und was zeigt ein längerer?
- Ursache oder Zufall? Belegen die Daten, dass das eine das andere bewirkt?
- Wo beginnt die Achse der Grafik, und ist die Skala beschriftet?
Zahlen auf Omid57.info
Omid57.info zeigt Schlagzeilen vieler Medien, und viele enthalten Zahlen: Wachstumsraten, Umfragewerte, Opferzahlen, Preise. Wer mehrere Medien nebeneinander sieht, merkt oft, dass dieselbe Zahl ganz unterschiedlich präsentiert wird – als Anstieg oder Rückgang, in Prozent oder absolut. Unser Ratgeber Nachrichten kritisch lesen bietet weitere Prüfschritte für jede Meldung.
Fazit
Die meisten irreführenden Statistiken sind keine Lügen, sondern Entscheidungen: welche Achse, welcher Vergleich, welcher Zeitraum, welcher Durchschnitt. Wer diese Entscheidungen kennt, kann die richtigen Fragen stellen – und Zahlen in den Nachrichten werden zu dem, was sie sein sollten: nützliche Information statt eines Werkzeugs der Überredung.